Gebot 4.0

Juni 18, 2008

Wie können wir Web 2.0 diskutieren, ohne uns mit der Vergangenheit des „interaktiven Internets“ auseinanderzusetzen? Die vielen Techniken und Konzepte von Web 2.0 werden als eine neue Generation der Interaktivität gepriesen, unter dem Banner der absurden Annahme, dass es so etwas noch nie gab. Dass die Techniken und Verhaltensweisen neu sind, und dass die Verknüpfung und Konversation untereinander brandneu sei.

Dabei wird gern vergessen, dass das Internet nicht nur seinen Ursprung als bidirektionales Informationsaustauschmedium hat, sondern dass es schon seit den Kindertagen des Internets Communities gibt, in denen man sich austauscht. Stichwort Usenet, Stichwort Foren – dem Internetnutzer ist es nicht fremd, online in sozialen Gefügen zu stecken. Dabei bleibt der Grad der Immersion jedem selbst überlassen, jenachdem ob einem ein Thema 3 oder 30 Posts wert ist. So gibt es auch zwei Usertypen; den Lösung Suchenden User und den Austausch Suchenden User – im Folgenden als LSU und ASU abgekürzt.

Der LSU sucht eine Community auf, weil er ein Problem gelöst oder eine Frage beantwortet haben will. Erhält er eine zufriedenstellende Antwort, ward er oft nie mehr gesehen; manchen aber gefällt die Community so gut, dass sie regelmäßig wieder die Seite aufsuchen, sich der durch andere User gegebenen Problemlösungskompetenz bedienen oder auch zu selbiger beitragen.

Der ASU dagegen sucht eine Community auf, weil er sich auf einem Themengebiet das ihn beschäftigt weiterbilden und sich mit Gleichgesinnten austauschen will. Ein ASU interagiert fast immer unter dem Vorsatz mit der Community, dass er bleiben will. Im Gegensatz zum LSU macht er sich selten vorher ein ausführliches Bild der Community, er stürzt sich lieber sofort ins Geschehen.

Stoßen diese Usertypen nun auf Web 2.0, werden sich unterschiedliche Reaktionen abzeichnen. Der LSU dürfte sich in dem zum n-ten Grad vernetzten Informationssturzbach eher zurechtfinden und auf Lösungen stoßen, aber gerade durch diese komplexe Struktur und vor allem durch das dezentralisierte Netzwerk wird er kaum zur konstanten Interaktion (die über ein „Danke“ oder ein „Bitte genauer“ selten hinausgeht) animiert. Der ASU andererseits profitiert zwar genauso von der Myriade an Angeboten und Varianten, findet aber nur schwer eine echte Community inmitten des Monologurwalds.

Ich spreche mich jedenfalls dafür aus, dass Foren klar als wichtiges Element in Web 2.0 gesehen werden müssen. Nur weil alles auf der selben Seite stattfindet, heißt das noch lange nicht, dass die Vernetzung nicht existent ist. Auf einzelne Forumsbeiträge kann genauso gelinkt werden wie auf einzelne Blogeinträge – mit dem Unterschied, dass in einem Forum ein enormer Diskurs protokolliert ist.

Um den Vergleich zu simplifizieren, ich sehe Foren als genau solches, ein Forum, eine Möglichkeit, kurze Gedanken mit interessierten Konversationspartnern gleich zu diskutieren. Im Gegensatz dazu sehe ich Blogs, die ich als vorverfassten, kommentierten Monolog zusammenfassen würde. Links auf andere Blogs sehe ich in dem Sinne kritischer, da nicht wie in Foren ein Dialog entsteht, sondern die Akteure meist aneinander vorbeimonologieren. Manchmal geht das so weit, dass der eigene Blog als Bastion der eigenen Meinung missbraucht wird; Kommentare gelöscht werden – man macht klar, dass dieser Blog einem gehört, und – unter Umständen – Fremdmeinungen nicht geduldet werden. In Foren dagegen liegen Sperr- und Löschrechte in Hand der Moderation, was (meistens) alle diskutierenden Parteien mit gleichen Rechten ausstattet und meiner Meinung nach den Austausch gleicher, direkter und vor allem fairer gestaltet.

Warum heißt dieser Artikel eigentlich „Gebot 4.0“? Das vierte (katholische) Gebot ist, dass man Vater und Mutter ehren soll. In Web 2.0 ist es – zumindest für mich – ein Gebot, dass man die Eltern der Internetdiskussion, Foren/Usenet, respektieren soll, auch wenn es inzwischen andere Methoden gibt.
Es gibt einfach zu viele verschiedene Arten und Präferenzen des Austausches, als dass man es sich leisten könnte, Foren nicht mehr zu beachten – und es hat vermutlich einen Grund, dass sie seit Jahrzehnten die präsentesten Diskussionsplattformen darstellen.

Reflexion – Web 2.0

Juni 2, 2008

Wir haben im Zuge der LV viel darüber gehört, was unter Web 2.0 verstanden und was mit Web 2.0 gemacht wird, haben das Lob gehört, die Interaktivität gepriesen, aber was ist mit den Schattenseiten?

Web 2.0 stellt ein Konzept dar, das mit seinem ungehemmten Informationsfluss und der Ausbreitung von Ideen ohne sich einer Unterdrückung ausgesetzt zu sehen, danach strebt, das Internet zu demokratisieren. Man ist nicht mehr nur auf eine Informationsquelle angewiesen, man kann sich durch eine Unzahl von Verzweigungen die Informationen zusammensuchen, die für einen wichtig sind – von einer beliebigen Anzahl (hoffentlich) unabhängiger Quellen. Das Wichtige hier ist, dass einem mehrere Perspektiven zur Verfügung stehen – und im Gegensatz zu anderen Massenmedien wie den Printmedien steht hier keine Regierung oder Firma dahinter.

Umfassend ist die Präsenz dieser Lobreden und Vorteilslisten, wenn Web 2.0 diskutiert wird, aber ironischerweise widerspricht sich die Berichterstattung selber, indem sie die Schattenseiten unter den Tisch fallen oder in der Ecke verenden lässt. Im Folgenden möchte ich lediglich ein paar der Aspekte ansprechen, die ich für bedenklich halte.

  • Abhängigkeit wird entstehen, wenn man gewohnt ist, dass man jederzeit an alle Information kommt, ohne direkt eine Gegenleistung erbringen zu müssen (mal abgesehen von den ISP-Kosten). Was aber, wenn das eigene Netzwerk zusammenbricht? Das Modem versagt? Oder, wenn mit der eigenen Technik alles stimmt, auf der Gegenseite etwas versagt? Man kommt auf einmal nicht mehr an die Information, deren prompte Lieferung man so gewohnt war.
  • Angreifbarkeit wird ein Problem werden – der Löwenanteil der Tools, die in Web 2.0 verwendet und zur Verfügung gestellt werden, sind frei verfügbar. Damit gibt man sich aber Attacken von böswilligen Außenstehenden, oder schlimmer noch, übereifrigen Konkurrenten hin – und wer bietet schon einen Garantie- oder Ersatzanspruch auf etwas, das gratis zur Verfügung gestellt wird? Dazu kommt, dass gerade weil kein unmittelbarer Profit darin zu sehen ist, die Sicherheit dieser kostenlosen Dienste ein Basisniveau nicht überschreiten wird.
  • Einschichtigkeit der digitalen Datenspeicherung verheißt auch Probleme, denn unabhängig davon, wie das Internet sich weiterentwickelt, ein Festplattencrash zur „rechten“ Zeit kann immer noch die Arbeit von Monaten zunichte machen, wenn er bei einem selbst passiert, gleich wie er plötzlich ein ganzes Informationsnetz ruinieren kann, wenn er serverseitig auftreten sollte. Wie bereits vorhin angesprochen, sind Backup-, Garantie- und Ersatzleistungen meist nicht vorhanden.
  • Rentabilität ist schließlich noch eine Konstante, die man nicht vernachlässigen darf. Die üblichen Copyrightverletzungen mal beiseite, was passiert, wenn man jegliche persönliche Leistung zugänglich macht, und bestenfalls Anerkennung erntet? Es ist unvermeidbar, die Schwelle zu erreichen, an der Ruhm einfach anderen Vergütungen weichen muss, da sonst kein Profit erreicht werden kann. Und ich will gar nicht erst damit anfangen, wie freigegebene Inhalte von profitgierigen Dritten missbraucht werden können.

All diese Punkte sind nicht „nur“ Stolpersteine, die den Usern im Weg stehen; sie sind leider auch ein Werkzeug derer, die diese Services anbieten. Für micht ist es nur eine Frage der Zeit, bis man mit der Vermarktung dieser Nachteile beginnen wird; bis man mit der Unsicherheit und Angst derer spielt, die den Content generieren. Ich bezweifle hier nicht, dass die kostenlosen Services von heute kostenlos bleiben, aber die ganzen Maßnahmen, um sich technisch und inhaltlich zu schützen, werden Subjekt des Profits werden.

Und dazu kommt natürlich noch die Werbung, die Betreiber (zurecht) auf ihren Gratisangeboten schalten. Hier muss auch erwähnt werden, dass Seiten wie Deviantart sich grundsätzlich die Vermarktungsrechte der unter ihrem Label veröffentlichten Werke vorbehalten. Auf die kürzeste und zugleich passendste Zusammenfassung dessen, was Web 2.0 werden wird, bin ich auf eine bekannte Zitateseite gestoßen:

„you make all the content. they keep all the revenue.“

Mit diesem für manche zynisch wirkenden, mir aber angebracht erscheinden Zitat soll diese Reflexion jetzt ausklingen, in der Hoffnung, den ein oder anderen kritischen Gedanken erweckt zu haben.